Ottokar Kernstock

Die „Kernstock-Hymne“

Das nach dem Ende des 1. Weltkriegs entstandene Österreich hatte keine offizielle Hymne. Für die alten Kaiserhymnen hatte die Republik keine Verwendung. 1920 verfasste Staatskanzler Karl Renner selbst eine Hymne, die aber nie zur offiziellen Hymne erklärt wurde. Oft wurde statt einer Hymne einfach das Deutschlandlied gesungen. Die „Rennerhymne“ verbreitete sich kaum, dafür aber die 1919 verfasste „Deutschösterreichische Volkshymne“ von Ottokar Kernstock. 1922 erschien diese leicht überarbeitet (der politischen Realität angepasst) als „Österreichische Volskhymne“ im Gedichtband „Der redende Born“.

Kernstocks Volkshymne war für die selbe Melodie von Joseph Haydn gedichtet, zu der auch schon die Kaiserhymnen gesungen wurden (und die auch die Melodie des Deutschlandlieds ist). Wohl auch deshalb erfreute sie sich bald relativ großer Popularität und schon bei ihrem Erscheinen als „Österreichische Volkshymne“ 1922 gab es Vorstöße, sie zur offiziellen Hymne zu erklären. Dies passierte aber erst 1929 auf Initiative des Bundesministerium für Heereswesen. Dessen Vorschlag folgend erhob die Bundesregierung unter Bundeskanzler Schober am 13. Dezember 1929 Kernstocks Text zu Haydns Melodie zur „Österreichischen Bundeshymne“. Explizit festgehalten wurde zu diesem Beschluss, dass es keine Bedenken gäbe, wenn statt Kernstocks Text das Deutschlandlied gesungen werde. Der Gebrauch der Rennerhymne wurde untersagt.

Ursprüngliche Fassung (1919)

Sei gesegnet ohne Ende,
Deutsche Heimat wunderhold!
Freundlich schmücken dein Gelände
Tannengrün und Ährengold.
Deutsche Arbeit ernst und redlich,
Deutsche Liebe zart und weich –
Vaterland, wie bist du herrlich,
Gott mit dir, Deutschösterreich!

Keine Willkür, keine Knechte,
Off’ne Bahn für jede Kraft!
Gleiche Pflichten, gleiche Rechte,
Frei die Kunst und Wissenschaft!
Starken Mutes, festen Blickes,
Trotzend jedem Schicksalsstreich
Steig empor den Pfad des Glückes,
Gott mit dir, Deutschösterreich!

Osterland bist du geheißen
Und von Osten kommt das Licht.
Nacht und Finsternis zerreißen,
Wenn es durch die Wolken bricht.
Seht verklärten Angesichtes
Den ersehnten Tag vor euch!
Land der Freiheit, Land des Lichtes,
Gott mit dir, Deutschösterreich!

Laßt, durch keinen Zwist geschieden,
Uns nach einem Ziele schau’n,
Laßt in Eintracht und in Frieden
Uns am Heil der Zukunft bau’n!
Uns’res Volkes starke Jugend
Werde ihren Ahnen gleich,
Sei gesegnet, Heimaterde,
Gott mit dir, mein Österreich!

Österreichische Bundeshymne (1929)

Sei gesegnet ohne Ende,
Heimaterde wunderhold!
Freundlich schmücken dein Gelände
Tannengrün und Ährengold.
Deutsche Arbeit, ernst und ehrlich,
Deutsche Liebe, zart und weich –
Vaterland, wie bist du herrlich,
Gott mit dir, mein Österreich!

Keine Willkür, keine Knechte,
Off’ne Bahn für jede Kraft!
Gleiche Pflichten, gleiche Rechte,
Frei die Kunst und Wissenschaft!
Starken Mutes, festen Blickes,
Trotzend jedem Schicksalsstreich
Steig empor den Pfad des Glückes,
Gott mit dir, mein Österreich!

 

 

Wurde gestrichen

 
 

Laßt, durch keinen Zwist geschieden,
Uns nach einem Ziele schau’n,
Laßt in Eintracht und in Frieden
Uns am Heil der Zukunft bau’n!
Uns’res Volkes starke Jugend
Werde ihren Ahnen gleich,
Sei gesegnet, Heimaterde,
Gott mit dir, mein Österreich!