Großdeutscher Nationalismus
Ottokar Kernstock verbrachte seine ersten Lebensjahre in seiner Geburtsstadt Maribor (damals Marburg an der Drau), ehe die Familie nach Graz übersiedelte. Sein lyrisches Schaffen setzte aber erst vollends ein, nachdem er Pfarrer auf der Festenburg wurde (1889). Kernstock verfasste vor allem Gedichte in spätromantischer Tradition. Seine Gedichte haben vielfach deutschnationale bzw. großdeutsche Inhalte, wie hier anhand einiger Beispiele gezeigt wird. So schreibt er im Bezug auf den Böhmerwald, aus dem sein Vater stammte:
[…]
Im Böhmerwald, bewehrt mit Wall und Toren,
In dem mein lieber Vater ward geboren.
Deutsch war der Mann, kerndeutsch sein Heimatland,
Eh‘ Slawenlist es Stück für Stück entwandt!
Nicht nur die Herkunft seiner Eltern war Thema in Kernstocks großdeutschem Nationalismus, dieser floß immer wieder in sein Dichten ein, selbst wenn er eigentlich über die Natur zu schreiben scheint, wie etwa in „Die Deutsche Eiche“
Stattlich prangt im Edelforste,
Den von alters Östreichs Aar
Sich erkor zum Königshorste,
Manche wipfelstolze Schar.
Slawenlinden steh’n ich dichten
Reih’n mit Pinien welscher Art
Und mit Böhmerwalder Fichten
Dort freundnachbarlich gepaart.
Aber mitten im Bereiche
Dieser grünen Herrlichkeit
Ragt die deutsche Donnereiche
Wie ein Held der Hünenzeit.
Oft in Not und Fährde scharten
Östreichs Völker sich um ihn,
Und auf Helm und Feldstandarten
Wehte deutsches Eichengrün.
Kernstocks eigene Werke legen einen großdeutschen Anspruch und einen aggressiven, fordernden Nationalismus offen. Das ist eindeutig belegt. Freilich bedarf es einer Kontextualisierung. Kernstock schrieb zwischen 1875 und 1928. Seine frühen Werke belegen bereits sein großdeutsches Denken und seinen Rassismus, dieses Denken als Reaktion auf den 1. Weltkrieg oder das Ende der k.u.k. Monarchie zu interpretieren, ist daher nicht möglich. Klar ist aber auch, dass zur damaligen Zeit Nationalismus eine allgegenwärtige und wirkmächtige Idee war. Großdeutsche Bestrebungen waren in diesem Kontext nicht ungewöhnlich, aber solange die k.u.k. Monarchie existierte in Österreich nicht realistisch. Dennoch waren diese Ideen so weit verbreitet und so fest verankert, dass es Österreich nach dem Zusammenbruch der Monarchie mehrheitlich logisch erschien, kein eigener Staat, sondern Teil Deutschlands zu sein. Deutschösterreich sah sich als Teil des Deutschen Reichs und es kam nur deshalb nicht zum Zusammenschluss, da die Friedensverträge nach dem 1. Weltkrieg einen solchen explizit verboten und statt von „Deutschösterreich“ nur noch von der Republik Österreich sprachen.
Kriegslyrik
Während des Ersten Weltkriegs verfasste Kernstock chauvinistische bis geradezu blutrünstige Werke, zum beispiel in „Die beiden Adler“:
[…]
Sie schlagen die russischen Wölfe,
Sie jagen den gallischen Hahn,
Und zähnefletschend schleicht davon
Die feige, nimmersatte
Hyäne „Albion“.
Und wer das Paar, das hehre,
Um’s Recht sich wehren sieht,
Der fleht, wenn noch von Ehre
In ihm ein Fünklein glüht:
Der Herr der Herrschar’n sei mit euch
Und schirm‘ den deutschen Adler
Und den von Österreich!
Kernstocks Kriegslyrik ist roh und direkt, sie ist zwischen nationalistischer Kriegsbegeisterung und offenem Aufruf zum Völkermord angesiedelt, wenn er dichtet:
Steirische Holzer holzt mir gut
mit Büchsenkolben die Serbenbrut!
Steirische Jäger trefft mir glatt
Den russischen Zottelbären aufs Blatt!
Steirische Winzer presst mir fein
Aus Welschlandfrüchten blutroten Wein!
Aus Kernstocks Werk wird schnell deutlich, dass es ihm nicht um die „Donaumonarchie“ geht, sondern um den Sieg des „Deutschen“. Wenn alles deutsche nur zusammenhält, dann glaubte der Priester Kernstock, wäre Gott auf seiner Seite.
Losungswort
Deutsch sein und zusammenhalten!
Wie sich durch des Feuers Kraft
Ring an Ring zur Kette gliedert,
Sei im Treuschwur eng verbrüdert
Östreichs deutsche Jungmannschaft.
Deutsch sein und zusammenhalten!
Alles andere wird Gott walten.
Deutsch sein und zusammenhalten!
Und wenn noch so grimmig laut
Wider uns die Feinde toben –
Fest den Blick gewandt nach oben
Und dem Losungswort vertraut:
Deutsch sein und zusammenhalten!
Alles andere wird Gott walten.
In dem von ihm zusammen mit Peter Rosegger verfassten Gedichtband „Steirischer Waffensegen“ (1916) sieht er Deutschland (und Österreich) gar auf göttlicher Mission der Rache:
1410 kam es zur „Schlacht bei Tannenberg“ zwischen dem Deutschen Orden und den Truppen des Königreichs Polen sowie des Großherzogtums Litauen. Der Deutsche Orden erlitt eine schwere Niederlage, die der Anfang vom Ende der Ordensherrschaft in Preußen werden sollte. Gleichzeitig begann der Aufstieg Polen-Litauens zur europäischen Großmacht. Im 1. Weltkrieg kam es erneut zur „Schlacht bei Tannenberg“, im Jahr 1914, zwischen deutschen und russischen Armeen. Sie endete mit einem Sieg der deutschen Truppen, in Kernstocks Interpretation Rache von Gottes Gnaden:
Der Tag der Rache
Es schuf die Tannenberger Schlacht
Den Deutschen groß Wehklagen.
Der Sieg stand bei der Slawenmacht,
Das Kreuzheer war geschlagen.
Was nicht im Urwaldsumpf ertrak,
Lag sterbend, als die Sonne sank,
Im weißen Ordenskleide
Auf sommergrüner Heide.
Scharf trat den Meister Ulrich an
Der Schlachtentod, der grimme.
Da schlug das Kreuz der wunde Mann
Und rief mit heller Stimme:
Führ, Herr, ins Paradies mich ein
Und laß aus unserem Gebein
Erstehn dem deuschten Namen
Einst einen Rächer! Amen …
Die Jahre floh’n. Vergessen lag
Der Feldherr bei den Seinen.
Doch tausend Jahr‘ sind wie ein Tag
Vor Gott, dem Ewigeinen.
Das fünfte Säkulum entschwand,
Und wieder brachen in das Land
Verweg’ne Slawnhorden
Mit Brennen und mit Morden.
Da winkte Gott – der Rächer kam,
Das Racheschweert zu zücken
Und, was dem Schwert entrann, im Schlamm
Der Sümpfe zu ersticken.
Dann sprach der Held: M i c h feiert nicht!
Der Herr ging zürnend ins Gericht
Mit dem Barbarenheere.
Dem Herrn allein die Ehre!
Auf Meister Ulrichs Ruhestatt
Soll aber künftig stehen:
Gott macht zur Tat früh oder spat
Was deutsche Männer flehen. – –
Wer hat dies neue Lied erdacht?
Ein deutscher Spielmann hat’s gemacht
Beim tapfern Pokulieren
Mit Reitern und Musketieren.
Verhältnis zum Nationalsozialismus
Als Verfasser des „Hakenkreuzlieds“ wird Kernstock immer wieder als „Nazi-Dichter“ bezeichnet. Tatsächlich scheint dieses eine Gedicht aus dem Jahr 1923 der einzige Beleg für eine engere Beziehung zwischen Nationalsozialismus und Kernstock zu sein. Er war kein Mitglied des österreichischen Ablegers der deutschen NSDAP, sondern verfasste nur dieses eine Gedicht für deren Ortsgruppe in Fürstenfeld.
Dagegen tut der Hinweis, Kernstock sei ja 1928, Jahre vor der Machtergreifung der NSDAP, gestorben, wenig um Distanz zwischen ihm und NS-Gedankengut zu schaffen. Die Nazis vertraten auch 1923 schon offen rassistische, antisemitische, antidemokratische und kriegsverherrlichende Inhalte. Sein Tod 1928 schließt aber selbstverständlich aus, dass er an NS-Verbrechen beteiligt war.
Man kann ihm auch keine öffentliche Unterstützung der Nazis vorwerfen. Noch 1923 distanzierte er sich als Reaktion auf einen Brief des Kaplans Josef Pleier aus Graslitz in Böhmen von den „Hakenkreuzlern“. Kernstock schrieb „Ich bin kein Hakenkreuzler und war nie einer. Wohl habe ich seinerzeit auf die Bitten einer Ortsgruppe ein Gedicht geschrieben, das den idealen Zielen galt, die ursprünglich den Hakenkreuzlern vorschwebten und mit denen sich jeder brave Deutsche einverstanden erklären musste. Das ist meine einzige Beziehung zur Nationalsozialistischen Partei.“ Kernstock distanziert sich in der Folge wiederholt von der Verwendung des Hakenkreuzlieds im Wahlkampf der Nationalsozialisten.
Kernstock war kein „Nazi“ im Sinn eines Parteimitglieds oder eines Kriegsverbrechers. Wie anhand seiner eigenen Werke hier gezeigt wurde, kann eine bestimmte Nähe zu Teilen des nationalsozialistischen Gedankenguts nicht bestritten werden. Das aggressive großdeutsche Denken, ein plumper, völlig überhöhter Nationalismus, Kriegsbegeisterung bis hin zur Kriegslust und das alles unterlegt von einer völkischen Weltsicht, findet man bei Kernstock wie bei den Nazis. Im Rückblick auf den Lauf der Geschichte kann man daher aufgrund der kriegsverherrlichenden und völkischen Inhalte seines literarischen Schaffens sagen, dass Kernstock ein ideologischer Vorbereiter des Nationalsozialismus war.